Wie die Überwachung von Infektionskrankheiten funktioniert
Rahmen und Grundprinzipien
In Luxemburg ist die Überwachung von Infektionskrankheiten eine zentrale Aufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens und liegt in der Verantwortung der Abteilung für Gesundheitsinspektion innerhalb der Gesundheitsdirektion. Sie stützt sich auf einen nationalen Rechtsrahmen, der festlegt, welche Krankheiten meldepflichtig sind, wer sie melden muss und wie die Informationen weitergegeben werden.
Das Gesetz vom 1. August 2018 über die Meldepflicht von Krankheiten im Rahmen des Gesundheitsschutzes, zusammen mit einer großherzoglichen Verordnung aus dem Jahr 2019 und dem Gesundheitskodex, bestimmt die Liste der Krankheiten und Erreger, die den Gesundheitsbehörden gemeldet werden müssen. Es legt außerdem Meldefristen und die erforderlichen Mindestangaben fest. Diese Liste wird regelmäßig aktualisiert, um neuen Gesundheitsrisiken und europäischen Vorgaben Rechnung zu tragen. Derzeit umfasst sie 74 Krankheiten oder Erreger, die von Laboren und – bei einem Teil davon – auch von Ärztinnen und Ärzten gemeldet werden müssen.
Das System verfolgt zwei Hauptziele: Gesundheitsbedrohungen so früh wie möglich zu erkennen und eine schnelle, koordinierte Reaktion zu ermöglichen – bei gleichzeitiger strikter Einhaltung der Datenschutzvorschriften sowie der nationalen und internationalen Meldepflichten.
Ein historisch fragmentiertes System, das wachsenden Anforderungen gegenübersteht
Wie in vielen Ländern, hat sich die epidemiologische Überwachung in Luxemburg schrittweise entwickelt – mit Instrumenten und Meldewegen, die zu unterschiedlichen Zeiten und für unterschiedliche Zwecke geschaffen wurden. Bis heute stützt sie sich teilweise auf ein Nebeneinander paralleler Kanäle: Online-Meldungen über spezielle Plattformen, Papier- oder PDF-Formulare, E-Mail-Austausch, Excel-Dateien und getrennte, sektorspezifische Datenbanken je nach beteiligten Akteuren (Ärztinnen und Ärzte, Labore, Krankenhäuser, Gesundheitsbehörden).
Diese Regelungen ermöglichen zwar die Einhaltung der gesetzlichen Meldepflichten, doch ihr gleichzeitiges Bestehen macht den Informationsfluss weniger reibungslos. Daten treffen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit ein, lassen sich schwer verknüpfen oder standardisieren und verursachen einen hohen administrativen Aufwand für die Gesundheitsfachkräfte. In einer Zeit, in der die Anforderungen an Schnelligkeit, Datenqualität und Interoperabilität stetig steigen, erschweren diese Grenzen ein klares und zeitnahes Bild der gesundheitlichen Lage.
Die COVID-19-Pandemie hat diese Herausforderungen deutlich sichtbar gemacht. Zugleich hat sie die Entwicklung stärker integrierter digitaler Lösungen beschleunigt, die eine groß angelegte Überwachung und ein Krisenmanagement in Echtzeit ermöglichen.
Die SORMAS-Plattform
Vor diesem Hintergrund hat Luxemburg eine grundlegende Neuausrichtung seines Überwachungssystems begonnen, um über eine stärker integrierte, robuste und reaktionsfähige Infrastruktur zu verfügen, die sowohl den Alltag als auch große Gesundheitskrisen bewältigen kann.
In diesem Sinne wurde SORMAS (Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System) eingeführt. Diese Open-Source-Software wurde ursprünglich für das Ausbruchsmanagement entwickelt und wird inzwischen in vielen Ländern eingesetzt. Nach ihrem Einsatz, während der COVID-19-Pandemie wird SORMAS im Rahmen des PHRESH-Projekts schrittweise auf weitere meldepflichtige Krankheiten ausgeweitet.
SORMAS ist eine integrierte digitale Plattform für die Überwachung, Untersuchung und das Management von Infektionskrankheiten. Statt eines Flickenteppichs aus Einzellösungen bietet sie eine gemeinsame Arbeitsumgebung, die es ermöglicht:
- Meldungen von Laboren, Ärztinnen und Ärzten, Krankenhäusern und in bestimmten Fällen auch von Patientinnen und Patienten zu bündeln (zum Beispiel über betreute Fragebögen oder Selbstauskunft);
- erhobene Daten durch gemeinsame Formate und abgestimmte Definitionen zu standardisieren;
- epidemiologische, klinische und biologische Informationen zu einem Fall oder Ereignis miteinander zu verknüpfen;
- Analysen, Visualisierungen und das Monitoring der gesundheitlichen Lage nahezu in Echtzeit zu unterstützen.
SORMAS ist damit weit mehr als ein reines Meldesystem. Die Plattform deckt die gesamte Kette der Überwachung ab – von der ersten Signalerkennung über die Fallverfolgung bis hin zur Unterstützung von Entscheidungen.
Reibungslosere Datenflüsse, von der lokalen bis zur europäischen Ebene
Eine der großen Stärken von SORMAS ist die verbesserte Interoperabilität zwischen Überwachungssystemen. Die Plattform ermöglicht einen sicheren und strukturierten Datenaustausch zwischen nationalen Akteuren und erleichtert zugleich die Erfüllung der Meldepflichten gegenüber europäischen und internationalen Stellen, insbesondere dem European Cenrtre for Disease Prevention and Control (ECDC) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Auf nationaler Ebene ist SORMAS über anerkannte Standards – vor allem HL7 – mit bestehenden Systemen verknüpft, etwa mit privaten und klinischen Laboren, Krankenhäusern, Meldeplattformen und Umweltdatenbanken. Dadurch werden doppelte Dateneingaben vermieden und eine höhere Datenkonsistenz erreicht.
Auf europäischer Ebene bereitet PHRESH die Anbindung an die Systeme des ECDC vor. So wird die automatisierte Übermittlung anonymisierter Daten für bestimmte Krankheiten möglich und die Einbindung Luxemburgs in die europäischen Überwachungs- und Frühwarnnetze weiter gestärkt.
Projektübersicht und Datenfluss
Wie Daten durch das Überwachungssystem fließen
Die mit PHRESH eingeleitete Transformation beruht auf einem zentralen Prinzip: Daten aus sehr unterschiedlichen Quellen in einer gemeinsamen Infrastruktur zusammenzuführen, unter strikter Einhaltung der Anforderungen an Vertraulichkeit, Sicherheit und Zweckbindung, die für die epidemiologische Überwachung gelten.
Die untenstehende Infografik veranschaulicht diese Struktur rund um SORMAS, das als zentrales Drehkreuz dient, in dem die wichtigsten Datenströme des öffentlichen Gesundheitswesens zusammenlaufen.
Mehrere Quellen, nah am Geschehen
Ärztinnen und Ärzte melden meldepflichtige Krankheiten und speisen das System über verschiedene Wege: elektronische Meldungen, Online-Ermittlungen oder – wenn nötig – über traditionellere Meldeformen. Diese klinischen Informationen sind ein entscheidendes Bindeglied, um Labordaten richtig einzuordnen und weitere Abklärungen auszulösen.
Krankenhaus- und Privatlabore übermitteln ihre Diagnostikergebnisse (positive Tests oder – bei bestimmten Krankheiten – sowohl positive als auch negative Tests) in strukturierter Form. Diese biologischen Daten bilden die objektive Grundlage der Überwachung und machen es möglich, die Zirkulation von Infektionserregern nachzuverfolgen.
Auch Patientinnen und Patienten spielen eine aktive Rolle, indem sie über digitale Fragebögen Informationen liefern – vor allem bei bestimmten meldepflichtigen Krankheiten oder in speziellen Programmen wie der Zeckenstich-Überwachung. Diese Daten ergänzen klinische und Laborinformationen durch wichtige Kontextelemente.
Einbindung von Krankenhäusern und Notaufnahmen
Im Jahr 2024 führte Luxemburg im Rahmen des Projekts RASSUR (Recueil Automatisé – Système de SURveillance syndromique dans les services d’urgence) die Überwachung schwerer akuter Atemwegsinfektionen (SARI) ein, um die Beobachtung schwerer Atemwegserkrankungen in Krankenhäusern zu stärken. Die im Projekt RASSUR entwickelten Ansätze wurden inzwischen in AP4 des PHRESH-Projekts übernommen. Ein wesentlicher Beitrag von PHRESH – in der Infografik klar erkennbar – ist die Einbindung der Notaufnahmen der Krankenhäuser als eigenständige, vollwertige Datenquelle.
Informationen zu Aufnahmen, Symptomen und Diagnosen werden in anonymisierter Form übermittelt. Sie ergänzen die klassische Meldeüberwachung durch eine syndromische Überwachung und erhöhen die Fähigkeit, ungewöhnliche Signale rasch zu erkennen – insbesondere in Phasen hoher Belastung oder bei neu entstehenden Lagen.
SORMAS als zentrales Drehkreuz
All diese Datenströme – klinische Daten, Laborergebnisse und Angaben aus Fragebögen – laufen in SORMAS zusammen, das als zentrales System für das Management von Fällen, Kontakten und Ereignissen dient.
SORMAS ermöglicht es,
- Informationen zusammenzuführen, die zuvor verstreut waren;
- Datenformate zu vereinheitlichen;
- die Analyse für Überwachungsteams zu erleichtern.
Je nach Verwendungszweck werden bestimmte Daten vor der epidemiologischen Auswertung oder vor der Weitergabe an andere Systeme pseudonymisiert oder anonymisiert.
Verknüpfung mit Europa und One Health
Die Infografik zeigt außerdem, dass das System auf europäischer Ebene interoperabel ausgelegt ist, wobei anonymisierte Daten im Einklang mit den europäischen Überwachungsrahmen an das ECDC übermittelt werden.
Darüber hinaus führt PHRESH eine nationale One-Health-Austauschplattform ein, die Akteure aus der Human-, Tier-, Lebensmittel- und Umweltgesundheit miteinander verbindet. Über diese Plattform können Signale, Ereignisse und Analysen zwischen den Institutionen (ALVA, LNS, LIH, LIST, AGE, ANF) ausgetauscht werden. So wird die Überwachung durch ergänzende Daten aus dem Umwelt- und Tiergesundheitsbereich angereichert.
Analyse, Visualisierung und Warnmeldungen
Die in SORMAS zusammengeführten Daten fließen anschließend in:
- ein anonymisierten Data Warehouse bei der Gesundheitsdirektion;
- Dashboards, die auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten sind (Gesundheitsfachkräfte, Gesundheitsbehörden und die breite Öffentlichkeit);
- Warnmechanismen, die ungewöhnliche Trends oder Situationen mit besonderem Handlungsbedarf anzeigen.
Diese Instrumente verschaffen Epidemiologinnen, Analysten und Fachleuten des öffentlichen Gesundheitswesens ein klares und aktuelles Bild der gesundheitlichen Lage.
Ein durchgängiger Ansatz
Insgesamt zeigt das Diagramm den Übergang zu einer stärker integrierten, reaktionsfähigeren und besser koordinierten Überwachung, bei der:
- Daten aus dem Feld in die Analyse einfließen,
- die Analyse Entscheidungen und Kommunikation speist,
- der Austausch zwischen Sektoren das Gesamtverständnis von Gesundheitsrisiken vertieft.
Diese durchgängige Logik – vom Anfang bis zum Ende – ist das, was PHRESH aufbauen und dauerhaft verankern will.
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